Enzo Ferrari über Alfa: "Alfa war mein Lehrmeister"

Die folgenden Zeilen schrieb Enzo Ferrari 1985 zum 75-jährigen Jubiläum von Alfa Romeo:

„Wenn ich am 75. Geburtstag von Alfa an dieses Unternehmen denke, so hat das für mich etwas von einer Rückkehr zu den Ursprüngen. Es bedeutet, mir die ersten Schritte meiner Jugend wieder ins Gedächtnis zu rufen - und schon trete ich leibhaftig wieder in die wunderbare Welt des Automobils ein. Es bedeutet, in Gedanken wieder die Zeiten eines Romeo, Merosi, Rimini, Bazzo, Jano oder Gobbato wachzurufen und meine ersten Erfahrungen nicht nur als Fahrer, sondern auch als Konstrukteur und Manager wieder zu erleben. Einer meiner wichtigsten beruflichen Erfolge trägt immer noch den Namen Alfa Romeo: die '158', der erste Wagen, der ganz in Modena in der Scuderia Ferrari gebaut wurde, nach einem Entwurf von Colombo, und von der die berühmten Alfetta abstammen, die zwei Weltmeisterschaften gewonnen haben.

Aber meine Bindung an die Schlange, das Alfa-Wappentier, ist nicht nur beruflicher Natur. Unter dem Zeichen des grünen, vierblättrigen Kleeblatts habe ich einige meiner liebsten Freunde kennengelernt. Auch heute spüre ich noch so etwas wie schmerzliches Heimweh, wenn mich mein Gedächtnis für einige Augenblicke wieder die Zeiten mit Antonio Ascari, Giuseppe Campari, Ugo Sivocci oder Tazio Nuvolari erleben lässt. Freude und Leid mischen sich in meiner Seele, wenn ich an mein, wie ich es nenne, 'Mailänder Intermezzo'
denke. Modena ruft in mir die Träume eines Jungen aus der Vorstadt wach - aber der Gedanke an das Mailänder Portello-Gelände bringt mir das große Erlebnis zurück, das ich mit 21 beginnen durfte: Eine Mischung aus großer Befriedigung und ein wenig Bitterkeit. Aber wenn es stimmt, dass es die Schmerzen sind, die die Seele des Menschen formen, dann verdanke ich Alfa sehr viel.

Viele Züge meines Charakters, den manche 'fürchterlich' nennen, zeigten sich schon in Mailand, im Schatten der Hallen in der Via Gattamelata. Damals spürte ich zum ersten Mal die Last echter Verantwortung, erlitt ich den Kummer über den tragischen Tod lieber Freunde und erfuhr ich die Demütigung der Niederlage.

Heute, mit so vielen Jahren Abstand, habe ich jene Abgeklärtheit erworben, die mich den Wert dieser intensiven Erfahrungen erkennen lässt.
Die Erinnerungen an die gemachten Fehler, die sogenannte Altersweisheit, lehren mich, dass ich ohne diese Prüfungen ein unvollständiger Mensch geblieben wäre. Alfa war für mich wie für viele andere ein großer
Lehrmeister: Alfa verdanke ich die ersten wichtigen Lehren für mein Leben.
Aber bei Alfa habe ich auch die Genugtuung des Gebens gehabt - Geben ohne Grenzen und Einschränkungen. Mein Wappentier, das auf der Hinterhand steigende Ferrari-Pferd, hat der Schlange, dem Zeichen der Visconti, viele seiner Siege geschenkt und hat so seine eigene Geschichte mit der seiner Stammmutter vermischt.

Wenn ich über diesen besonderen Aspekt meines Berufslebens Bilanz ziehen soll, wenn ich eine komplizierte Rechnung von Soll und Haben anstelle, muss ich sagen: Ich habe keine offenen Forderungen. Ich habe viel bekommen und habe all das gegeben, was ich konnte, wie ein Sohn, der erst einmal gerne fordert und der dann die Verpflichtung fühlt, zurückzuzahlen.

Diese Gedanken lassen mich in die Fünfziger Jahre zurückkehren, vor allem in den August 1952, als ich von Ing. Quaroni, dem damaligen Generaldirektor von Alfa, ein Glückwunschtelegramm zum ersten Sieg von Ferrari in einer Weltmeisterschaft erhielt.

Auf die Glückwünsche antwortete ich mit diesem Brief: 'Liebe Freunde von Alfa, gestattet mir, diesen Brief nach so vielen Jahren mit diesen Worten zu beginnen! Euer Telegramm war für mich wie ein Frühlingswindstoß, und auf dem wolkenlosen Himmel habe ich mit erstaunlicher Klarheit das gesamte Buch unserer Erinnerungen gelesen. Zwanzig Jahre habe ich mit Euch gelebt. Wie viele Dinge, wie viele Geschehnisse, wie viele Männer sind vorübergegangen!
An alles und alle habe ich mich heute erinnert. Ihr könnt sicher sein, dass ich für Alfa noch immer die jugendliche Zärtlichkeit der ersten Liebe, die reine Zuneigung zur Mutter empfinde. Glaubt mir.'"

(Quelle: Alfa Romeo seit 1910, Autor: Walter Hörscheidt, erschienen im:
Motorbuch Verlag, 1. Auflage 2006)