Die Erfolgsgeschichte des Carlo Abarth: Rennsiege, Weltrekorde und PS-Schmiede
- Seit 1947 unter dem Zeichen des Skorpions.
- Mit Zubehör für Fiat Fahrzeuge Vorreiter der Tuningbranche.
Das Leben von Visionären folgt selten einer geraden Linie. Und so durchläuft auch Karl Abarth eine Reihe von Höhen und Tiefen auf dem Weg vom Motorradmechaniker zum Inhaber eines der legendärsten Namen im Motorsport und Begründer eines völlig neuen Industriezweiges.
1908 in Wien geboren, macht Abarth in frühester Kindheit die Schrecken des Ersten Weltkriegs durch. Seine Familie siedelt ins italienische Meran über, der Heimat der väterlichen Familie. Als die Ehe der Eltern in die Brüche geht, zieht die Mutter zusammen mit Karl und dessen Schwester Anna zurück in die österreichische Hauptstadt. Hier sammelt der durchtrainierte Teenager Erfolge bei Radrennen und nimmt eine Arbeit als Motorradmechaniker auf, die ihn schon bald ins Rennteam Motor Thun führt.
Als Ersatz für einen erkrankten Motor-Thun-Piloten startet er zum ersten Mal bei einem Rennen - und ist auf Anhieb deutlich schneller als die Werkspiloten. Abarth vermutet hinter einem technischen Defekt während des Rennens Sabotage und kündigt auf der Stelle. Im eigenen Team fährt er 1928 und 1929 von Sieg zu Sieg. Ein schwerer Unfall, von dem sich sein rechtes Knie nie wieder vollständig erholt, zwingt Abarth, auf Seitenwagen-Rennen umzusatteln. Erneut modifiziert er vorhandene Maschinen nach seinen Vorstellungen. Er erfindet die so genannte Schwingachse, die den Seitenwagengespannen deutlich höhere Kurvengeschwindigkeiten ermöglicht. 1930 experimentiert er zum ersten Mal mit einem speziellen Auspuffsystem - eine Technik, auf die er sich erst Jahre später wieder besinnen wird.
1938 wird Österreich von Nazi-Deutschland besetzt. Abarth ergreift die von Italien angebotene Chance, statt unter dem Hakenkreuz in den Farben der Tricolore anzutreten. Er nimmt die italienische Staatsbürgerschaft an und ändert seinen Vornamen offiziell in Carlo. Aber schon im September 1939 bedeutet ein erneuter Rennunfall das endgültige Karriereende.
Im slowenischen Ljubljana, das während des Zweiten Weltkriegs zu Italien gehört, beginnt Abarth ein neues Leben. In einer mechanischen Fabrik baut der erfahrene Techniker in den folgenden Jahren Autos und Lkw von Benzin- auf Kohlegasbetrieb um, ein bewährtes Mittel, der Rohstoffknappheit der Zeit zu begegnen. Nach Kriegsende flieht Abarth gemeinsam mit seiner zukünftigen zweiten Frau nach Meran und startet dort einen Fahrradhandel.
So richtig begeistert ihn diese Tätigkeit wohl nicht. Jedenfalls ergreift er 1947 die Gelegenheit, beim kleinen Turiner Rennwagenhersteller Cisitalia als Chef der Motorsportabteilung mit der Aufgabe anzuheuern, ein Grand-Prix-Team aufzubauen. Trotz Unterstützung durch Porsche und prominenter Piloten wie Tazio Nuvolari und Hans Stuck kommt das Cisitalia-Projekt nicht richtig in Schwung. Die Firma muss Konkurs anmelden.
Abarth ist jetzt bereit für den großen Schritt - am 31. März 1947 gründet er gemeinsam mit dem Geschäftsmann Armando Scagliarini sein eigenes Unternehmen. Offizieller Geschäftszweck von Abarth & C.: Produktion von Fahrzeugen und technischen Komponenten für Sport- und Renneinsatz, Entwicklung von Ausrüstung für Serienfahrzeuge sowie der Verkauf von Rennbenzin. Abarth übernimmt neben Personal auch Ausrüstung von Cisitalia, darunter sechs Rennwagen. Am 8. Mai 1949 erzielt Guido Scagliarini, der Sohn des Abarth-Geschäftspartners, den historischen ersten Sieg für die Squadra Corse Carlo Abarth. Aber auch große Namen fahren für Abarth. Piero Taruffi gewinnt am Ende der Saison die Italienische Formel-2-Meisterschaft für das junge Team. Tazio Nuvolari feiert im Abarth 204A beim Bergrennen auf den Monte Pellegrino 1950 den letzten Sieg seiner Karriere.
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Doch Abarth ist sich bewusst, dass der Betrieb eines eigenen Rennteams auf Dauer keinen Gewinn abwerfen kann. Er besinnt sich seiner Experimente mit dem Bau von Motorrad-Abgasanlagen und entwickelt den ersten Sportauspuff für den Fiat Topolino. Es folgen Systeme für andere Fiat Modelle, für Alfa Romeo, Maserati, sogar Vespa-Motorroller und eine Reihe weiterer Marken. Außerdem stattet Abarth eine Zeit lang sämtliche Ferrari-Rennautos aus. Damit seine Produkte auf den ersten Blick zu erkennen sind, entwirft Abarth ein spezielles Farbdesign: die Schalldämpfer sind mattschwarz, die Endrohre verchromt. Endgültig unverwechselbar werden die Auspuffanlagen durch das Firmenlogo - den schwarzen Skorpion, Abarths Sternzeichen, auf gelb-rotem Grund.
Die Idee wird ein Verkaufsschlager. Weltweit reissen sich sportlich orientierte Fahrer um die Abarth-Auspuffanlagen, obwohl diese mehr als doppelt so teuer sind wie Konkurrenzprodukte. Sie sind beliebt nicht nur wegen der gesteigerten Motorleistung, sondern vor allem wegen des kernigen Sounds, der ein von Abarth ausgerüstetes Auto auch akustisch einzigartig macht. Geschickt stellt Abarth in der Werbung die Verbindung zu Rennerfolgen her.
Während die Auspuff-Produktion auf vollen Touren läuft, entwickelt Abarth sein erstes komplettes Straßenfahrzeug. Der Formel-Renner 204A wird von Vignale mit einer Coupé-Karosserie eingekleidet, fertig ist der Abarth 205A (1951). Zeitweise mehrmals pro Jahr präsentiert Abarth von nun an Eigenentwicklungen. Er nutzt meist bewährte Fiat Technik, modifiziert die Motoren nach seinen Ideen und lässt seine Konstruktionen von den namhaften Designstudios Italiens einkleiden. Unter anderem arbeiten Bertone, Pininfarina, Ghia, Michelotto, Zagato und Boano für den stets akkurat im Anzug gekleideten Selfmade-Ingenieur mit dem schweren österreichischen Akzent.
Ermöglicht werden derartige Projekte durch das stetig wachsende Geschäft mit Auspuffanlagen. 1954 produziert Abarth & C. bereits knapp 58.000 Einheiten, im Rekordjahr 1962 steigt diese Zahl auf 257.000 bei 375 Beschäftigten. Längst vertreibt Abarth aber auch zusätzliches Tuningzubehör wie Doppelvergaseranlagen, die er mit selbst entwickelten Einlasskrümmern an tausendfach in Serienautos eingesetzte Motoren anpasst. Damit ist Abarth Vorreiter eines völlig neuen Industriezweiges, der Tuningbranche.
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1955 präsentiert Fiat die Kleinlimousine 600, deren Motor für Tuningmaßnahmen à la Abarth ideal ist. Mit komplett überarbeitetem Antriebsstrang (747 statt 633 Kubikzentimeter, 42 statt 22 PS) erreicht der Fiat 600 Derivazione Abarth eine für die Fahrzeugklasse schier unglaubliche Höchstgeschwindigkeit von 130 km/h. Mit einer speziellen Stromlinienvariante geht Abarth das nächste sportliche Ziel an - zu dieser Zeit in der Öffentlichkeit stark beachtete Geschwindigkeits- und Langstreckenrekorde. Im Sommer 1956 erzielt sein Team auf der Rennstrecke von Monza tatsächlich eine ganze Reihe von Bestwerten (siehe Anhang), die im Verlaufe des nächsten Jahrzehnts von neueren Abarth-Konstruktionen wiederholt verbessert werden. Weil er einen Beschleunigungsrekord in einem Formel-Rennwagen unbedingt selbst aufstellen will, nimmt Abarth mittels Apfel-Diät fast 30 Kilogramm ab, um überhaupt ins enge Cockpit zu passen.
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1957 bringt Fiat einen weiteren Kleinwagen auf den Markt, der den Fiat 600 in seiner Bedeutung für die Motorisierung des so genannten kleinen Mannes noch übertreffen wird - den Fiat 500. Erneut hilft Abarth dem serienmäßig recht schwachbrüstigen Motor auf die Beine. Statt 14 produziert der Zweizylinder im Heck nach der Abarth-Kur bis zu 23 PS. Mit noch einmal drei PS mehr erzielt ein Fiat 500 Abarth im Februar 1958 einen neuen Langstreckenrekord in siebentägiger Dauerfahrt.
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Diese Glanzleistung führt zur offiziellen Zusammenarbeit zwischen Abarth und Fiat. Man einigt sich auf einen Kooperationsvertrag auf Erfolgsbasis: Für jeden Rennsieg erhält Abarth eine Prämie, schon zweite Plätze sind uninteressant. Um größtmöglichen Nutzen aus diesem Abkommen zu ziehen, entwirft Carlo Abarth für die Vielzahl der zu dieser Zeit im internationalen Rennsport gebräuchlichen Hubraumklassen maßgeschneiderte Fahrzeuge. Beinahe jedes Fiat Serienmodell verwandelt Abarth - der zeitweise auch mit der französischen Marke Simca kooperiert - in seiner Werkstatt am Corso Marche (ab 1958) in ein Rennauto.
Diese Strategie geht auf. Jahr für Jahr fahren seine Entwicklungen weltweit Hunderte von Klassensiegen ein (siehe Anhang), insgesamt werden es mehr als 7.300. Besonders erfolgreich sind die Derivate des Fiat 600, deren Hubraum bis 1970 auf knapp 1.000 Kubikzentimeter und die Leistung auf über 110 PS steigt. Ihr markantes Kennzeichen: die offen stehende Haube über dem Heckmotor, die für eine bessere Kühlung sorgt. Vom Fiat 500 entstehen u. a. die Varianten 595 esseesse und 695 esseesse, das Doppel-S steht dabei für Super Sport. Für Rennen, in denen Prototypen zugelassen sind (z. B. 24 Stunden von Le Mans), konstruiert Abarth komplett eigenständige Fahrzeuge (z. B. Fiat Abarth 1000 SP). Damit erringen seine Piloten mehrfach sogar Titel in der Langstrecken-Weltmeisterschaft und der Berg-Europameisterschaft. Selbst einen Formel-1-Boliden hat Abarth in Planung (1967), verzichtet aus Kostengründen dann aber auf das Projekt.
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Es ist nicht der letzte Rückschlag, den Abarth hinnehmen muss. Die Konkurrenz bei den Rennen durch die großen Werke wird immer stärker, die Kosten des Motorsports klettern beträchtlich. Ende der 60er Jahre überzieht außerdem eine für die Metallindustrie teure Streikwelle Italien, von der auch Abarth & C. nicht verschont bleibt. Unaufhaltsam neigt sich die Blütezeit der Kleinwagen dem Ende zu, die Verkäufe von Tuningzubehör stagnieren. Weil zudem der Prämienvertrag mit Fiat - nach einer Verlängerung - endgültig ausläuft, hat Carlo Abarth keine andere Wahl: Am 15. Oktober 1971 geht seine Firma offiziell in den Besitz von Fiat über. Abarth, der inzwischen mit seiner späteren dritten Frau Anneliese zusammen lebt, wird Berater.
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Fiat nutzt den Namen Abarth fortan für sportliche Topversionen bestimmter Serienmodelle. Das erste unter neuer Regie entstehende Fahrzeug ist der Autobianchi A112 Abarth. Die Abarth-Gebäude werden Heimat der Fiat Rennsportabteilung, die sich zu Beginn der 70er Jahre ausschließlich mit Rallyes beschäftigt. Zunächst der Fiat 124 Spider Abarth, dann der Fiat 131 Abarth werden vom Werksteam u. a. in der Weltmeisterschaft eingesetzt. Fiat holt damit 1977, 1978 und 1980 den Titel in der Markenwertung, Walter Röhrl wird 1980 Fahrerweltmeister. Ein Triumph, den Carlo Abarth ebenso wenig erlebt wie die Erfolgserie des nach dem Rückzug von Fiat aus dem Rallyesport ebenfalls am Corso Marche beheimateten Lancia Werksteams. Er stirbt am 24. Oktober 1979 im Alter von 71 Jahren.
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Abarth - wichtige Erfolge im Motorsport*
1950 Coppa Intereuropa Monza/I mit Abarth 204A
1956 Mille Miglia Brescia/I Fiat mit Abarth 750
1957 Mille Miglia Brescia/I mit Fiat Abarth 750 GT
1958 12-Stunden-Rennen Sebring/USA mit Fiat Abarth 750 GT
1959 Targa Florio Palermo/I mit Fiat Abarth 750 RM
1960 12-Stunden-Rennen Monza/I mit Fiat Abarth 700 BA
1961 24-Stunden-Rennen Le Mans/F mit Fiat Abarth 850 BA
1961 Tour de France Rouen/F mit Fiat Abarth 700 BA
1962 Bergrennen Schauinsland/D mit Fiat Abarth 1000 BA
1962 12-Stunden-Rennen Nürburgring/D mit Fiat Abarth 850 T
1963 Rallye Portugal Algarve/P mit Fiat Abarth 850 TC
1963 Bergrennen Schauinsland/D mit Fiat Abarth 1000 SP
1964 500-Kilometer-Rennen Nürburgring/D mit Fiat Abarth 1000 Prototipo
1965 Bergrennen Mont Ventoux/F mit Fiat Abarth OT 2000
1965 500-Kilometer-Rennen Nürburgring/D mit Fiat Abarth OT 1000
1966 Eisrennen Vammala/F mit Fiat Abarth 1000 Berlina
1966 Flugplatzrennen Mainz/D mit Fiat Abarth 1000 OTS
1967 Coupe de Vitesse Monthléry/F mit Fiat Abarth 2000
1967 Bergrennen Montegrappa/I mit Fiat Abarth 595
1967 24-Stunden-Rennen Le Mans/F mit Fiat Abarth OT 1300
1968 500-Kilometer-Rennen Nürburgring/D mit Fiat Abarth 1600
1968 Bergrennen Villach/A mit Fiat Abarth 3000
1969 6-Stunden-Rennen Nürburgring/D mit Fiat Abarth 1000 Berlina
1970 Bergrennen Bad Neuenahr/D mit Fiat Abarth 650 TC
1970 24-Stunden-Rennen Spa/B mit Fiat Abarth 1000 Berlina
1971 Trofeo Autosprint Imola/I mit Fiat Abarth 695
*jeweils Klassensiege
Abarth - wichtige Geschwindigkeitsrekorde*
1956: 10.000 km 140,658 km/h mit Fiat Abarth 750 Bertone
1966: 72 Stunden 140,632 km/h mit Fiat Abarth 750 Bertone
1956: 24 Stunden 167,722 km/h mit Fiat Abarth 850 Bertone
1956: 12 Stunden 147,982 km/h mit Fiat Abarth 500 Bertone
1957: 24 Stunden 177,454 km/h mit Fiat Abarth 750 Pininfarina
1957: 48 Stunden 170,301 km/h mit Fiat Abarth 750 Pininfarina
10.000 km 169,346 km/h mit Fiat Abarth 750 Pininfarina
1958: 96 Stunden 125,824 km/h mit Fiat Abarth 500 Pininfarina
1958: 240 Stunden 116,380 km/h mit Fiat Abarth 500 Pininfarina
1958: 15.000 km 126,216 km/h mit Fiat Abarth 500 Pininfarina
1959: 1.000 Meilen 159,677 km/h mit Fiat Abarth 500 Pininfarina
1957: 12 Stunden 160,277 km/h mit Fiat Abarth 500 Pininfarina
1960: 2.000 Meilen 214,809 km/h mit Fiat Abarth 1000 Pininfarina
1960: 72 Stunden 186,680 km/h mit Fiat Abarth 1000 Pininfarina
1963: 72 Stunden 178,110 km/h mit Fiat Abarth 2300 S Coupé
1965: ¼ Meile 11,55 Sekunden mit Fiat Abarth 2000 F2
1966: 500 Meter 12,855 Sekunden mit Fiat Abarth 2000 F2
* Zwischen Juni 1956 und Oktober 1966 stellen von Abarth entwickelte Fahrzeuge auf der Rennstrecke von Monza/Italien insgesamt 113 Geschwindigkeitsrekorde in verschiedenen Hubraumklassen auf.